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ZUR AUSSTELLUNG UMKREMPELN IM KUNSTVEREIN NEUREUT

 

Die Künstlerin, die den diesjährigen Ausstellungsreigen im Milchhäusle eröffnet, genießt das Wechselspiel zwischen Vertrautheit und Distanz. Sie ist als Viola Läufer in Offenbach geboren

und arbeitet unter dem Künstlernamen Lola. Ein Pseudonym mag verschiedenen Zwecken dienen.

Er kann als Markenzeichen gemeint sein. Unsere Künstlerin hat nicht umsonst ein Diplom in Kommunikationsdesign. Er sorgt aber auch für Abstand zwischen der bürgerlichen Person und der erfundenen persona oder Maske des kreativ Schaffenden. Ich glaube nun nicht, dass sich Frau Läufer hinter Lola verstecken will. Dazu erinnert mich dieser Name zu sehr an Berichte von den kecken Wilden Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts. Der Gebrauch des Künstlernamens kann aber

ein bewusstes oder unbewusstes Zeichen ironischer Distanz sein. Der Widerspruch von Vertrautheit und Distanz hätte dann etwas mit Humor zu tun. Kunst bleibt ein Spiel, das ernsthaft betrieben

wird, aber nicht zu ernst genommen werden sollte. Schauen Sie doch auf die englischen Bildtitel.

Die Formulierungen in  dieser internationalen Verkehrssprache haben nicht nur etwas mit Marketing

zu tun. Es sind witzige Wortspiele im Geiste einer Kultur, die mit teutonischem Ernst nicht viel anzufangen weiß. Turning the tables steht unter einem auf dem Rücken liegenden Tisch. Das Bild nimmt den Titel ganz wörtlich, Lolas Übersetzung trifft das englische Idiom in seinem übertragenen Sinn. Underdog wird zu Top Dog. Wenn man – nebenbei bemerkt – noch an die Berichte aus dem viktorianischen England denkt, das unverhüllte Klavierbeine für erotisch zu suggestiv hielt, dann

wird Lolas Sujet geradezu skandalös. (...) Lolas Themen scheinen uns also einerseits vertraut.

Aber der Blickwinkel, der  Ausschnitt, das gewählte Detail oder die Collage kann ungewöhnlich sein. Bemerkenswert ist aber vor allem auch die Technik. Lola hat mir zwar anvertraut, es sei nicht so wichtig, dass der Betrachter weiß, wie die Bilder entstanden sind. Und ich kann die Überlegungen hinter dieser Haltung nachvollziehen. Aber der aufgeklärte Betrachter ist neugierig und möchte

nicht nur wissen, was die Bilderwelt im Innersten zusammenhält. Er ersehnt sich auch einen Blick

in die Werkstatt. Lola verrät ja auch einiges in den Angaben zu den Materialien. Baumwolle, Toner, Nitroverdünnung, Transferpapier, Acryl. Am Anfang steht wohl das Sammeln und Sichten von Fotos. Ausgewählte Motive werden dann digitalisiert und als zusammengesetzte Poster großformatig ausgedruckt. Das Besondere ist nun, dass die gedruckten Vorlagen nicht großtechnisch industriell, sondern mit verhältnismäßig leicht verfügbaren Mitteln handwerklich auf Gewebe übertragen

werden. Die Spuren dieser handwerklichen Übertragung bleiben sichtbar. Zufällige Unebenheiten, Verschiebungen, leichte Verzerrungen und Übermalungen verfremden die ursprünglichen Vorlagen

und lassen originelle Bilder entstehen, die uns ansprechen, weil sie sich von der perfekten fotografischen Bilderwelt abheben, die überall um uns herum unsere Aufmerksamkeit erheischen

will. Das Schaffen Andy Warhols schwebt vielleicht irgendwo über uns. Vielleicht führt Lolas Weg

in Zukunft auch zum Siebdruck. Von einer Factory kann man aber hier nicht reden. Plakative Massenware ist im Milchhäusle nicht zu sehen. Schauen Sie sich die Exponate noch einmal genau

an. Die verhaltene Poesie dieser bearbeiteten Übertragungen erschließt sich nicht immer auf

den ersten Blick.

 

Frieder Kohlenberger, Kunstraum Neureut e.V.